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"The Face Of Mount Molehill"
Auch wenn Sie noch nie von ihm gehört haben, kennen Sie Neil Cowley. Der Pianist hat an hunderten von Popaufnahmen von Gabrielle bis Tom Jones mitgewirkt, zuletzt prägte sein Klavierspiel die Songs „Hometown Glory“ und „Rolling in The Deep“ auf dem Hitalbum von Adele. Er ist verantwortlich für die Musik für zahlreiche TV-Shows oder Werbespots, mit denen er das Studio am Ende seines Gartens finanzierte, in dem er die Musik für „The Face of Mount Molehill“, das vierte Album des Neil Cowley Trio schrieb.
An der Oberfläche sieht das Neil Cowley Trio aus wie ein Jazztrio: drei Männer, die auf einem Klavier (Cowley), einem Schlagzeug (Evan Jenkins) und einem Kontrabass (der australische Bandneuling Rex Horan) Klänge erzeugen. Aber nur selten klingt diese Musik wie Jazz. „The Face of Mount Molehill“, das vierte Album des Trios, präsentiert wortlose Powerpopsongs, Soundtracks auf der Suche nach dem passenden Film, klangforscherische Minimal-Miniaturen und die coolste TV-Erkennungsmelodie aller Zeiten. „Der Titel – The Face of Mount Molehill – bezieht sich auf meine Arbeitsweise“, erklärt Cowley, „darauf, wie ich banale, alltägliche Dinge nehme und sie in etwas ausufernd Romantisches explodieren lasse. Im Grunde schichte ich Maulwurfshügel zu musikalischen Gebirgen um.“ Um diesen Prozess zu unterstreichen lässt sich das Trio erstmalig von acht Streichern unterstützen. Während Produzent Jim Abbiss (Arctic Monkeys, Adele, Ladytron, Kasabian) das Trio entlang der kühlen Soundwelten der Gegenwart navigiert, steuert der Brian Eno-Gefährte Leo Abrahams auf mehreren Stücken subtile Soundatmosphären bei. „Leo ist eher ein Soundarchitekt als ein typischer Gitarrist“, erklärt Cowley. „Er kam mit einem Haufen seltsamer Vorrichtungen ins Studio, und am Schluss hat er seine Gitarre mit einem Kuli traktiert. All die seltsamen Geräusche auf dem Album, die nicht vom Klavier kommen, hat er gespielt.“
Mit Abrahams Unterstützung fächert das Neil Cowley Trio ein vielfältiges Kaleidoskop von Klängen auf: Von Abrahams’ schlagbohrerartigem Lärm auf dem Titelstück „The Face of Mount Molehill“, einer Madness-meet-Motown-Hymne, bis zu dem in ungeraden Takten pulsierenden Powerpop-Stück „Fable“; von dem wunderbar vertrackten und atmosphärischen „Rooster Was a Witness“ über das düster stampfende „Hope Machine“ bis zu den dramatischen Radiohead-Anleihen in „La Porte“ - immer wieder reichert die Band die Stücke, die sie gerade spielen, mit erzählerischen Elementen an. Das schmerzlich schöne „Distance by Clockwork“ handelt von zwei Spielzeugrobotern - einem verrosteten Clown und einer Ballerina – die aus den entlegenen Ecken einer Kinderkrippe miteinander in Kontakt zu treten versuchen. Doch der Berührendste von allen Songs ist „Mini Ha Ha“, das auf einem Sample von Cowleys lachender Tochter basiert.
Cowley liebt es, laut zu spielen. „Als ich in diesen lärmigen R&B-Bands spielte, musste ich mich anstrengen, gehört zu werden“, erklärt der Pianist. „Ich habe dann immer versucht, die Gitarristen zu übertrumpfen.“ Doch bei aller Lautstärke sollte man die Delikatesse und Sensibilität des Albums nicht übergehen. „Lament“ und „Siren’s Last Look Back“, die beiden großartigen Pianosolos, piano in jeder Hinsicht, die das Programm einrahmen, erinnern an den klaren Minimalismus eines Michael Nyman oder Steve Reich und gehören zu einer Reihe von Elegien, die Cowley für kürzlich verstorbene Freunde schrieb: „Lament“ in aufbauendem Dur, „Slims“ als eine nebelverhangene Grabrede und „Meyer“ als ein Klagelied, das in seiner Schönheit die Vergebung andeutet.
Die Tour zum Album führt Cowley zurück in die Queen Elizabeth Hall in London, wo er zuletzt als zehn Jahre altes Wunderkind Schostakowitschs 2. Klavierkonzert spielte. Cowley macht um diesen Teil seiner Karriere keine großen Worte, doch er ist imposant. Mit fünf begann er Klavier zu spielen, mit sieben, an der Vorschule in der proletarischen Londoner Vorstadt, begleitete er bei den großen Festveranstaltungen den Gesang seiner Mitschüler. Sein Talent wurde entdeckt, die Gemeinde finanzierte dem Sohn einer allein erziehenden Mutter die Klavierstunden und den wöchentlichen Musikunterricht an der Royal Academy of Music. Aber Cowley fühlte sich in diesem Umfeld unwohl, mit fünfzehn sagte er der klassischen Ausbildung ade und stellte sich auf die eigenen Füße als Musiker.
Er spielte mit R&B-Bands in Clubs. Er tourte mit einer Blues-Brothers-Tribute-Band durch Europa. Mit 17 bewarb er sich auf eine Anzeige im Melody Maker und wurde von der erfolgreichen Popband The Pasadenas angeheuert. In den frühen 90ern saß er drei Jahre lang auf dem Klavierschemel der Brand New Heavies, zehn Jahre später spielte er auf dem Rhodes warme Grooves für Zero 7. Er feierte Chill-Out-Erfolge mit Fragile State, spielte auf den ganz großen Raves mit The Green Nuns of The Revolution, einer psychedelischen Trance Band und schrieb mit Siedah Garrett, einem Mitarbeiter von Michael Jackson, einen Pophit für The Freemasons. Doch nachdem er Musik lange überwiegend am Rechner entwickelt hatte, kehrte er im Jahr 2005 zu seiner ersten Liebe, zum akustischen Klavier zurück und gründete das Neil Cowley Trio, mit dem er seitdem drei Alben veröffentlichte.
Auch im vordergründig konventionellen Format des Klaviertrios sorgt sein breiter Hintergrund dafür, dass sich Cowleys Musik stark von der anderer Bands der Jazzszene aus London abhebt. Cowley hat sich den Jazz nicht an der Hochschule beigebracht, sondern auf der Bühne. Schon deshalb neigt er nicht dazu, seine technischen Fertigkeiten besonders hervorzukehren: Improvisation ist zurück genommen auf dem neuen Album, der Akzent liegt auf simplen, einfachen Melodien. „Ich kann improvisieren“, sagt er, „ich kann das sehr gut. Aber bei unserer Musik geht es mehr darum Energiespitzen aufzunehmen und als Trio auf ihnen zu surfen.“ Und ohnehin ist Jazz ja eine amerikanische Form, den er selbst und seine britischen Freunde und Kollegen allenfalls reproduzieren können. „Wir sind eine englische Band. Und was wir Briten besser können als andere ist Pop und Rockmusik mit Melodien, Groove, Textur. Das können wir gut, mit einem Hauch Subversion.“ An diesem Maßstab misst Cowley auch seine eigene Musik: „Sie soll Englisch klingen. Sie soll Humor und Pathos, Spaß und Glück und Melancholie beinhalten und diesen Charakter in jeder Note einschließen. So soll meine Musik klingen.“ Mit „ The Face of Mount Molehill“ fühlt er sich seinem Ideal schon sehr nahe. „Diese Musik klingt wie ich“, sagt er. |